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"Dialogisches Lernen"

Ein Name, zwei unterschiedliche Ansätze


Der kommunikationspädagogische Ansatz (Bertram Thiel)
im Vergleich zum Dialogischen Lernen nach Ruf/Gallin




Vergleichsdimension
Kommunikationspädagogischer Ansatz (Bertram Thiel, D)
Dialogisches Lernen (Ruf/Gallin, CH)


Wissenschaftliche Wurzel
Sprechwissenschaft und Kommunikationspädagogik nach Hellmut Geißner; entwickelt von Thiel aus eigenem Unterricht (seit 1991) und der Lehrerfortbildung heraus (Saarbrücken ab 1995, seit 2004 zertifiziert durch die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS).
Fachdidaktik Deutsch (Ruf) und Mathematik (Gallin), Universität/Gymnasium Zürich; anknüpfend an Wagenschein, nahe an sozialkonstruktivistischen Lerntheorien (Wygotski); Bezüge zu Weinert, Habermas, Deci/Ryan.
Dialogverständnis
Dialog = „im Miteinandersprechen hindurchgehen zum Sinn“ (dia-logos); kein Zwiegespräch, unabhängig von der Zahl der Sprechenden. Sinn wird im mündlichen Miteinander konstituiert: „Sinn ist nicht. Sinn geschieht.“ (Geißner)
Dialog als Organisationsmuster von Unterricht: Wechselspiel von Angebot und Nutzung; Schülerbeiträge werden zum neuen Angebot; strukturiert durch den Dreischritt Ich–Du–Wir.
Leitmedium
Mündlichkeit im Vordergrund (leibhaft vollzogenes Miteinander-sprechen), verzahnt mit Schriftlichkeit und visueller Kommunikation (z. B. Dialogisches Mind-Mapping).
Schriftlichkeit im Zentrum: Reisetagebuch/Lernjournal als Kerninstrument; Autographensammlung als Ausgangspunkt des gemeinsamen Wissensbildungsprozesses.
Zentraler Begriff
Gesprächsfähigkeit (wissenschaftlich definiert nach Geißner 1986, Kurzdefinition: Thiel 2025) und die dialogische Grundhaltung der Lehrperson als Dreh- und Angelpunkt
Kernidee als Initialzündung; Weg vom Singulären (eigene Zugänge) zum Regulären (fachliche Norm).
Instrumentarium
Neun vernetzte Module (u. a. Aktives Zuhören, Argumentation, Wertungsfreies Feedback, Bewertung mündlicher Leistung, Konzentrierte Dialogführung); Diskursorientierter (Projekt-)Unterricht mit Team-Präsentationen, Lern-Dialogbegleitung
Vier handlungsleitende Instrumente im Kreislauf: Kernidee → Auftrag → Lernjournal → Rückmeldung; ergänzt um Autographensammlung und Suche nach Qualitäten.
Rolle der Lehrkraft
Gesprächsfähiges kommunikatives Vorbild; Moderation, dialogische Lernbegleitung, aktive Präsenz im Gespräch; Lehrer/in-Persönlichkeit als eigene Säule des Modells.
„Wohlwollendes Gegenüber“, das Lernjournale sichtet, Rückmeldung gibt und aus gelungenen Beiträgen neue Kernideen entwickelt.
Aus kommunikationspädagogischer Sicht: Rolle der Lehrkraft stark reduziert (vgl. Pabst-Weinschenk 2019, S. 135).
Rolle der Lernenden
Gesprächsfähige Ko-Akteure: Rollen von Lehrenden und Lernenden werden getauscht; Selbstständigkeit, Präsentation, Diskurs, Erkenntnislisten. Dabei Ausbildung und Stärkung der Gesprächsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft.
Individuell Lernende auf eigenen Wegen; Austausch primär über verschriftlichte Lernspuren („So mache ich das“ / „Wie machst du das?“ / „Das machen wir ab!“).
Sinn- und Erkenntnisbegriff
Sinn wird gemeinsam im Gespräch gebildet (Sinn-Modell 2024); Erkenntnisfähigkeit als explizites Lernziel; Erkenntnis als kommunikativer Prozess.
Sinnstiftung über die persönliche Bedeutsamkeit des Stoffs (die Kernidee muss die Person „berühren“); Erkenntnis primär als individueller, dokumentierter Lernweg.
Leistungsbewertung
Mehrdimensionale Leistungsbewertung: fachliche Normen sowie individuelle Lernwege; prozessorientierte Mitarbeitsnoten, Notendialog, wertungsfreies Feedback, schülergeführte Protokolle und Beteiligungslisten, obligatorische und fakultative Leistungen.
Mehrdimensionale Leistungsbewertung: fachliche Normen sowie individuelle Lernwege, persönlicher Einsatz und Lernfortschritt; Rückmeldung zur Qualität der Journalarbeit
Reichweite / Zielstufen
Methodenoffene Meta-Konzeption für alle Fächer und Schulformen; Schwerpunkte: Sek I und II, berufliche Bildung, Hochschule, Lehrkräfte- und Führungskräftefortbildung.
Entwickelt für Deutsch und Mathematik; verbreitet v. a. in Primarstufe und Sek I (Lehrmittel „Ich Du Wir 1–6“), ursprünglich am Gymnasium erprobt; Übertragung auf andere Fächer den Fachlehrkräften überlassen.
Demokratie und Ethik
Explizit: Gesprächsfähigkeit als Voraussetzung für Dialogkompetenz und Demokratiebildung; dialogische Ethik (Geißner 1995).
Implizit über Partizipation und „Austausch unter Ungleichen“; keine eigenständige kommunikationsethische Fundierung.
KI-Zeitalter
Triadisches Lernen (2026): KI als dritter, metakommunikativer Partner im Lernraum; Gesprächsfähigkeit als Schlüsselkompetenz, um KI-Impulse und Ergebnisse dialogisch einzuordnen.
Keine systematische KI-Konzeption; das Modell entstand vor der KI-Ära und wurde bislang nicht darauf hin erweitert.
Kernformel
„Sinn wird nicht vermittelt, sondern gemeinsam gebildet – im Miteinandersprechen.“
„Auf eigenen Wegen zur Fachkompetenz – vom Singulären zum Regulären.“


Fazit

Die beiden Ansätze sind keine Varianten desselben Konzepts, sondern beantworten unterschiedliche Fragen.

Ruf/Gallin fragen: Wie kommt der Einzelne auf eigenem (schriftlichem) Weg zur fachlichen Norm?

Der kommunikationspädagogische Ansatz nach Thiel fragt: Wie wird die Lerngruppe gesprächsfähig, sodass Sinn, Erkenntnis und Verantwortung im Miteinander-sprechen entstehen?

Für das KI-Zeitalter ist diese Differenz tragend: KI kann verschriftlichte Lernwege simulieren und Journaleinträge generieren – aber sie kann nicht leibhaft miteinander sprechen. Der Kern des kommunikationspädagogischen Ansatzes liegt dort, wo die Maschine per Definition nicht hinkommt.


Quellen: Thiel (2022, 2024, 2026), EuWiS 09/2025; Ruf/Gallin: Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik Bd. I/II; Wikipedia „Dialogisches Lernen“; PIKAS (TU Dortmund). Weitere Informationen: www.lernen-im-dialog.de · www.triadisches-lernen.com · www.kommunikationspaedagogik.de · www.bertramthiel.com

© Thiel: 14.07.2026




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